Im Land der Berge und Jurten

Auch nach Kirgisistan verlief die Einreise unproblematisch. Direkt nach dem Grenzübergang zeichnete sich bereits ab, was hier auf uns zukommen würde: Berge! Zunächst nur ganz leicht, dann deutlich stärker, ging es bergauf. Vorbei am Kirov-Staudamm, über dem als Relikt vergangener Sowjet-Zeiten eine gigantische Büste von Lenin in Stein gemeißelt prangt.

Viele Dinge hier waren ähnlich wie in Kasachstan. Zu Essen gab es zum Beispiel weiterhin die altbekannten, auf fettigem Fleisch basierenden Gerichte: Manti, Lagman, Kurdak und Co. Einige Dinge waren jedoch auch anders. Aufgrund der sehr dichten Besiedelung entlang der (einzigen) Straße gestaltete sich die Zeltplatzsuche deutlich schwieriger als in der einsamen Steppe. Außerdem hatten wir das Gefühl, dass die sehr neugierigen Kirgisen „unsere Nähe suchten“. Sobald wir irgendwo anhielten, stand meist nach kurzer Zeit halb Kirgisistan um uns herum (so viele Menschen gibt es hier ja nicht), um uns zu fotografieren, zu befragen, oder einfach nur verdutzt anzustarren.

Als wir eines Abends endlich einen Zeltplatz gefunden hatten, hielt natürlich wieder ein Kirgise mit seinem Auto direkt neben uns an. Offensichtlich hatte er nicht viel zu tun, denn selbst nach der kurzen Fragerunde blieb er konsequent bei uns stehen. Als sich dann noch drei weitere Kirgisen mit ihren Pferden hinzugesellten und ein Pläuschchen neben uns abhielten, entschieden wir uns, erstmal in einem nahegelegenen Restaurant essen zu gehen. Wir wollten es später noch einmal mit dem Schlafplatz versuchen. Wir stellten fest, dass das Restaurant auch gleichzeitig ein Hotel war. Interessehalber fragten wir deshalb nach, was denn eine Übernachtung kosten würde. „For you it’s free“ bekamen wir zur Antwort, was uns in Anbetracht der Zeltplatzproblematik natürlich sehr freute. Bei einem netten Abend mit dem Besitzer gab es außerdem noch Tee, Manti und das ein oder andere Gläschen Whiskey.


Leicht verkatert starteten wir am nächsten Tag zum ersten hohen Pass (3326m) unserer Reise. Der Plan war, ihn noch am selben Tag zu erreichen. Leider wurde daraus nichts, denn das Wetter machte uns einen deutlichen Strich durch die Rechnung. Der Tag ging gut los und wir kamen trotz heftiger Steigung zügig voran. Zwischendurch machten wir Rast in einer Jurte um einen Tee zu trinken. Gastfreundlich wie die Kirgisen sind, schenkte man uns dort außerdem jeweils eine Schüssel Kumis (vergorene Stutenmilch). Da wir Kumis bereits probiert und für nicht sehr lecker (eher sehr sehr ekelig) befunden hatten, freuten wir uns natürlich nur nach außen hin über dieses Geschenk. Wir warfen uns verzweifelte Blicke zu und tranken die Schüsseln nach dem Motto „Augen zu und durch“ schnell aus.


Kurz nach unserem Stop begann es in strömen zu regnen. Aufgrund der Höhe, wurde es außerdem immer kälter. Trotz Regenjacke waren wir bald völlig durchnässt, was bei vier Grad Außentemperatur sehr unangenehm und nicht ungefährlich ist. Nachdem Anne dann auch noch einen Platten hatte, den man mit eiskalten Fingern und im Regen nur schwer flicken konnte, beschlossen wir abzubrechen und unser Zelt auf einer Wiese aufzubauen. Als der Regen vorbei war, stellte sich der Zeltplatz als traumhaft schön heraus.


Am nächsten Tag überquerten wir trotz nasser Schuhe und weiterhin schlechtem Wetter gleich zwei Pässe. Diese Anstrengung wurde mit einer 70km langen Abfahrt durch atemberaubende Landschaft belohnt. Harte Arbeit zahlt sich aus.
Anschließend ging es weiter durch bergige aber traumhaft schöne Landschaft, erst an einem See und dann am Fluss Naryn entlang.

Doch nicht immer war alles nur schön in Kirgisistan. Nachdem wir die Berge verlassen hatten wurden die Straßen sehr schlecht, der Verkehr katastrophal und die Kirgisen unfreundlicher. Die Aufmerksamkeit, die sich in ständigem Schreien, Hupen und Pfeifen äußerte, wurde uns langsam zu viel. Außerdem war es höchste Zeit für eine kulinarische Abwechslung. So waren wir sehr froh, als wir in Osch ankamen und uns dort zwei Tage Pause gönnten. Wir tranken echten Kaffee (in Zentralasien eine Seltenheit) und schauten bei Pizza und Cola die deutsche „WM-Tragödie“ gegen Südkorea.

Diese zwei Tage Ruhe konnten wir gut gebrauchen, denn ab Osch begann der Pamir-Highway. Es wurde also nochmal bergiger. Zusammen mit vielen anderen Radreisenden (die zumeist ihr Gepäck von einem Begleitfahrzeug zur nächsten Unterkunft transportiert bekamen), kämpften wir uns auf bis 3775m hoch. Hier oben war das Atmen schon deutlich schwieriger.

So wunderschön die Landschaft in den Bergen auch ist, so trügerisch ist das Wetter dort. Im einen Moment ist strahlender Sonnenschein, im nächsten schneit, regnet oder hagelt es. In einer Nacht mussten wir sogar das Zelt verlassen und bei Regen in einer Grube Schutz suchen, denn es blitze gefährlich Nahe und unser Zelt war auf freier Fläche aufgebaut. Bei Gewitter neben zwei Stahlrädern zu schlafen ist keine gute Idee…

Unsere letzte Station vor der chinesischen Grenze war Sary-Tash, wo wir in einem Homestay (also bei einer kirgisischen Familie) übernachteten. Viel mehr gab es dort nämlich auch nicht. Es war wirklich interessant zu sehen, wie die Menschen auf dem Land hier leben. Die Toilette war ein offenes Loch im Boden, die Dusche ein Eimer Wasser mit einer Schöpfkelle. Es fühlte sich ein bisschen an wie eine Zeitreise – allerdings mit hervorragendem WLAN.

Zum Frühstück rechneten wir also mit traditionell rustikaler Küche – ein Berg fettiges Hammelfleisch und vergorene Stutenmilch. Aber anscheinend hat sich die Familie schon an die Vorlieben der europäischen Gäste angepasst, denn es gab Spiegelei, Brot und Marmelade. Gut gestärkt und voller Vorfreude auf eine neue Kultur, Landschaft und Nudelsuppe brachen wir Richtung chinesische Grenze auf.

4 Gedanken zu „Im Land der Berge und Jurten

  1. Griasti,
    alles klar bei euch?
    Mittlererweile seit Ihr in China? echt jetzt?

    Könnt Ihr euch ein Leben in der Zivilisation, mit einem festen Wohnsitz, einem geregelten Job und der Hektik & Fülle der Stadt überhaupt noch vorstellen, wenn man bereits über 100 Tage im Outback gelebt hat?
    Bereits nach einem WoEn auf da Hüttn‘ hab ich schon kein Bock mehr zurück in die Stadt zu fahren 🙂 Wie wäre mir dann nach 100 Tagen zu Mute?!?

    Nebenfrage: In wie vielen Sprachen kannst Du jetzt schon Bier bestellen?

    Nach rund 7700km habt ihr ziemlich genau die Hälfte geschafft, aber positiv denken… die Hälfte der Abenteuer steht euch noch bevor.
    Weiterhin gute Reise…

    Grüße aus MUC

    1. Hi Dirk,
      jap…China! Schon irgendwie verrückt. Fühlt sich so an als wären wir schon fast in Bangkok, allerdings unterschätzen wir da die Größe und v.a. die vielen Höhenmeter Chinas ein bisschen…

      Wird sicher ein harte Cut für uns, wenn wir plötzlich wieder eine Wohnung usw. haben. Können ja die ersten Wochen im Garten zelten um langsam zurück in ein geregeltes Leben zu finden 🙂

      Bisher waren nur russisch und chinesisch nötig, allerdings braucht es vermutlich jahrelange Übung um in China korrekt Bier bestellen zu können 🙂

      Viele Grüße aus Qarqan
      Olli

  2. Hallo zusammen,
    mit großer Bewunderung und Staunen verfolge ich Eure Tour und nachdem nun ungefähr Halbzeit ist, wollte ich Euch einen
    Gruß aus Feldkirchen bzw. von Pulsion schicken. Ihr seid oft Gesprächsthema und wir drücken ganz fest die Daumen
    dass weiterhin alles gut geht. Falls aber dennoch Unterstützung notwendig ist, Pulsion steht bereit 🙂
    Alles liebe Petra te Heesen

    1. Hallo Frau te Hessen,
      es freut uns, dass Sie und Pulsion unsere Reise mitverfolgen.
      Vielen Dank auch für die angebotene Unterstützung. Ich hoffe, dass wir sie nicht benötigen. Aber es ist schön zu wissen, dass man im Falle eines Falles nicht alleine wäre 🙂

      Viele Grüße vom tibetanischen Hochplateau!

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